NATHALIE DAOUST


Korean Dreams, North Korea


Nordkoreanische Träume

"Kim Jong Il ging nie auf Toilette"

 

Für ihr Projekt "Korean Dreams" reiste die Fotografin Nathalie Daoust ins Land des "Ewigen Herrschers". Und warf einen Blick hinter die Kulissen der Propagandamaschine.

 

Ein Interview von Isabel Metzger

 

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Fotoserien sind Sie schon o􀅌 durch die Welt gereist: nach China, Japan, Brasilien. Jetzt also Nordkorea. Warum?

 

Daoust: Wenn ich reise, dann tue ich das, weil ich das Land in der Tiefe erforschen möchte. Weil ich versteckte Orte entdecken möchte, die ich so nicht kenne. Orte auch, an die Menschen vor der Realität fliehen. Nordkorea ist so ein Ort. Mehr noch: Hier erlebte ich, wie ein ganzes Land in eine Traumwelt flüchtet ‐ und das nicht aus freiem Willen, sondern gezwungen durch ein Regime.

 

SPIEGEL ONLINE: Welche Schwierigkeiten haen Sie bei Ihrer Reise nach Nordkorea?

 

Daoust : Um in das Land zu kommen, muss man Reiseagenturen bezahlen. Besucher mit fragwürdigen Absichten werden normalerweise nicht reingelassen. Das Internet hat mich anfangs verraten: In Interviews hae ich schon vor meiner Abreise von meinem Projekt erzählt. Also musste ich noch sechs Monate warten, bis alle Spuren beseigt waren. In Nordkorea war ich dann mit einer Gruppe Touristen unterwegs. Vor Ort wurden wir begleitet von einem Militär, der uns kaum aus den Augen ließ.

 

SPIEGEL ONLINE: In Nodkorea ist Fotografieren nicht überall erlaubt. Vor Ort mussten Sie zum Teil undercover arbeiten. Wie sind Sie damit umgegangen?

 

Daoust: Ich habe mich vor meiner Reise intensiv informiert. Ich wusste zum Beispiel, dass sie dort immer wieder die Kameras überprüfen. Bei einem Touristen aus meiner Gruppe löschten sie zum Beispiel alle Bilder auf seinem Chip, weil er bei einer Statue von Kim Jongs Vater auf dem Foto die Füße abgeschnitten hatte. Das gilt in Nordkorea als respektlos. Ich selbst habe deshalb mit einer Analogkamera gearbeitet. Als die Militärs die gesehen haben, dachten sie: aha, alte Kamera, eine Amateurin also. Außerdem habe ich viele Filme mitgebracht, die ich in meinem Hotelzimmer verteilt, an unterschiedlichen Orten versteckt habe. Das alles lief heimlich und diskret ab. Man wusste ja nicht, ob im Hotelzimmer vielleicht irgendwo versteckte Kameras waren. So hae ich Glück: Alle meine Fotos haben überlebt.

 

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

 

Daoust: Es gibt dieses eine Foto, das ich vom Militär geschossen habe. Weil das verboten ist, habe ich mit einem Kabel ausgelöst, meine Kamera hing vor meinem Bauch, und ich gab vor, einfach nur herumzuspazieren. Ein Militär ist aber misstrauisch geworden. Direkt nachdem ich das Foto gemacht habe, rief er seine Kollegen zu sich und wollte meine Kamera kontrollieren, die Bilder löschen. Als er meine Kamera sah, hat er mich zum Glück laufen lassen.

 

SPIEGEL ONLINE: Das Projekt heißt "Korean Dreams". Was für Träume zeigen Ihre Fotos?

 

Daoust: Nordkoreaner leben in einem Traumstaat, in einer Traumwelt. Es kursieren dort viele Mythen. An einem Tag brachten sie uns zum Beispiel zu einem Krankenhaus und zeigten uns ein Baby, betonten wie gesund es sei. Sie wollten uns weismachen, dass es in den letzten 50 Jahren kein einziges behindertes Kind gegeben habe. Da frage ich mich: Wer soll das glauben? Haben sie die kranken Kinder vielleicht umgebracht? Auch von Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il erzählt man sich so einiges. Zum Beispiel, dass er nie auf Toilette ging. Oder dass er schon in jungen Jahren 1500 Bücher geschrieben haben soll. Ich habe die Fotoserie "Korean Dream" genannt. Aber vielleicht sollte ich sie lieber "Albtraum" nennen.

 

SPIEGEL ONLINE: Die Fotos aus der Serie wirken dunkel, gespenssch. Die Menschen sehen fast unwirklich aus. Welche Technik haben Sie benutzt?

 

Daoust: Ich habe mit einer speziellen Abzugstechnik gearbeitet und von den Fotos nach und nach mehrere Schichten abgetragen. Dadurch haben die Bilder Informationen verloren. Mit diesen Fotos wollte ich die Idee Nordkoreas abbilden: wie Informationen in diesem Regime des Meinungsdiktats verloren gehen, viele Schichten verborgen bleiben.

 

12. Juni 2016

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/nordkorea-foto-ausstellung-von-nathalie-daoust-a-1096961.html

 

 

 

'Korean Dreams', by Montreal-born photographer Nathalie Daoust, plays on the concepts of reality and fantasy - both of which recur thematically in her previous work. She traveled to North Korea for this project, capturing scenes of one of the world’s most secretive societies. Many of her photographs are candid, and were taken using a remote trigger to avoid detection.

 

In a country where severe restrictions on human rights are widely documented, the movement of foreigners is also severely restricted and independent travel is not allowed. Instead, itineraries devised by the government incorporate civic buildings, industrial sites and numerous propagandist statues honoring the country's 'Eternal President', Kim Il-sung (1912 – 1994). Information given to visitors by government-employed guides is partisan and interaction with locals is prohibited. For the few people that visit North Korea, truth and reality can be elusive - it is a place characterised by what is concealed rather than what is on view. Taking photographs of people, particularly military, is strictly forbidden.

 

The subjects of Daoust's images have been obscured during the photographic process; the systematic break down of the original negative film has produced a series of final images that appear unclear, indistinct and somewhat ghostlike. As the layers of film are removed, a sense of detachment between the photographer and her subjects is revealed. Daoust's darkroom method also mimics the way information is transferred in North Korea - it is stifled until the truth becomes 'lost' in the process. (Straightforward facts such as the age of the country's current leader, Kim Jong-Un, and information about his marital life cannot be ascertained.)

 

'Korean Dream' explores identity and the way North Koreans are fed disinformation from an early age. Daoust simulates this process of disinformation in the darkroom. The subjects of her photos are susceptible to the photographic process, and thereby rendered vulnerable. It is a classic power struggle between the story and the storyteller.    

 

Matt Paish

 



Korean Dreams, North Korea, 2015

 

100 x 150 cm

Edition: 25 + 1 AP

Ink Jet Print auf Hahnemühlen Paper

 

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