EDGAR LISSEL


Natura facit saltus, 2011-2017


RISSE IM GEHIRNKINO

Begegnungen mit Natura Naturans.

Claudia Weinzierl

 

Es ist erwiesen, dass alle großen Zeitalter ihrem Zeitgeist ein bestimmtes Organ zuordneten. In der Antike war es die Galle, in der Romantik das Herz – der zeitgenössische Geist wird neurologisch definiert. Das Kognitive und Technologische erfährt größte Wertschätzung, bestimmt das Maß, wonach man sich zu richten hat, definiert warum wir wie fühlen und denken. Eine Art Erklärungswut und empiristischer Erkenntnisgewinn gestaltet unsere Welt. Wir leben in einem Gehirnkino. Das läuft und läuft. Erst wenn wir nicht mehr hinterherlaufen, uns versenken, uns in Kontemplation Unerwartetem und Unerkanntem öffnen, können wir Risse erkennen. Lassen wir die Risse zu, sind wir imstande, dahinter zu schauen. Was spielt sich dahinter ab? Was können wir erschauen?

 

Vielleicht die Innenräume unserer nicht konditionierten psychisch-geistigen Kraftfelder, die Vergessenes und Verdrängtes raunen? Unser Natur-Sein, in glücklichen Momenten die Verbundenheit mit allem, was wir sind und was uns umgibt? Und weiter, dass die Natur spielt und würfelt („Natura facit saltus“ – wie eine Gruppe von Arbeiten betitelt ist) und in einem kontinuierlichen Schaffensprozess die bizarrsten Momente und Formen produziert. Es ist dieser schauende Blick, den Edgar Lissel kultiviert hat, den er in absichtsloser Absicht von Bakterien über Wasser zu Insekten, Gestein schweifen lässt und den er in verschiedenen photographischen Methoden festzuhalten versteht. Angetrieben von der Neugier, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ und einem kindlichen Staunen über die Prozesse, die man durch Kontemplation und Hingabe wahrnehmen kann. 

 

Dieser Blick in die Natur bedeutet einen Blick auf Kräfte, die die scheinbar unzähligen Einzelteile der bewussten Wahrnehmung bis hin zu den Ahnungen aus unserem Unterbewusstsein verbinden und zusammenhalten: Kräfte der fortlaufenden Prozesse.

 

Diese Kräfte wohnen allen lebenden Systemen nicht nur inne, sondern sind ihr elementarer Motor. Es sind genau diese Kräfte, die Mikrokosmos mit Makrokosmos verbinden und aus der Vergangenheit in die Zukunft wirken. In diesen Netzwerken unausdenkbarer Kombinationen kommt es beständig zu Kraftfeldern der Energieverdichtungen und Intensivierungen. Lineare Zeit- und Raumkonzeptionen schwindeln, Sprünge, multidimensionale Eskapaden ereignen sich, generieren Bilder, wie sie uns in Lissels Arbeiten entgegenkommen. 

 

Die Werkgruppe „Eros universalis“ ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie aus einem interdisziplinären Projekt mit der Universität Nottingham, in dem die Fähigkeit verschiedener Bakterienkulturen miteinander zu kommunizieren untersucht wird, kosmisch anmutende  Bilder entstanden sind. Das Faktische dieses Molekülaustausches zweier Einzeller in der Petrischale verwandelt sich vor unseren Augen in eine Allegorie des Erotischen als elementare Kraft lebendigen Austausches: wir sehen eine gelungene Vorstellung unseres geheimen Wissens, dass echte Begegnung mit einem Anderen möglich ist, indem wir allen Widerstand aufgeben, uns ineinander auflösen und als Veränderte und Bestärkte in unser individuelles Sein zurückzukehren imstande sind. 

 

Die faszinierende Fotographie eines Fußabdrucks im Watt, der sich augenblicklich mit den Bakterien des Schlammes verbindet und unzählige Luftblasen entstehen lässt -  als Ursprung weiteren Lebens, bringt uns auf die Spur von Ahnungen, was im nicht Sichtbaren, nicht Wahrgenommenen alles vor sich gehen mag, von dem man in der faktischen Wirklichkeit nichts weiß. Ebenso wie die Bilder der Bakterien, die an und in unseren Körpern wirken, die - von uns unbemerkt - Vermählungen mit dem Leben eingehen, uns – uns unbewusst - dem Leben buchstäblich einverleiben.

 

Die versteinerte Bewegung des Wassers („Gezeitenwellen“) und die versteinerten Urtropfen auf einem Stück Erde vermitteln uns ein Gefühl von einem uralten Geheimnis: Wie kann sich eine Plötzlichkeit aus einer momentanen Bewegung heraus in einen Abdruck der Ewigkeit verdichten? Welche atmosphärischen Konstellationen, welche Zeit- und Raumgefüge müssen herrschen, um dies Paradoxon zu erwirken? Eine alchimistische Verbindung von Elementen, die niemals sonst miteinander in Berührung kommen erwecken in uns Bilder der Sehnsucht nach Unsterblichkeit, nach dem totalen Aufgehen in einem Augenblick. 

 

Edgar Lissels Entbergungen aus Himmelskörpern vermitteln Botschaften, die wie Baupläne einer anderen Dimension erscheinen oder die wie Besucher in unsere Wahrnehmung treten und sich in uns verwandeln zu etwas Vertrautem, das gar nicht von außen auf uns zukommt, sondern aus uns heraustritt. 

 

Vielleicht sind alle unsere Bewegungsvorstellungen nur vorläufig und hinfällig, wie wir. Wir bewegen uns in Kraftfeldern, die nicht nur von uns gesteuert sind, Felder der Geburten und der Tode. Unendliche Schlaufen. Edgar Lissels Werke erzählen von einer Arbeit, die Rainer Maria Rilke zu einer der wesentlichsten der Menschen zählt: 

 

Unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, dass ihr Wesen in uns „unsichtbar“ wieder aufersteht. Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Gelingen uns in Werken, die „fortwährenden Umsetzungen des geliebten Sichtbaren und Greifbaren in die unsichtbare Schwingung und Erregtheit unserer Natur, die neue Schwingungszahlen einführt in die Schwingungs-Sphären des Universums, so bereiten wir in dieser Weise (da die verschiedenen Stoffe im Weltall nur verschiedene Schwingungsexponenten sind) nicht nur Intensitäten geistiger Art vor, sondern wer weiß, neue Körper, Metalle, Sternnebel und Gestirne.“1

 

1. Dieser Brief (ein Jahr vor seinem Tod geschrieben), ohne Datum (Briefstempel: Sierre, 13.11.25) In: Rainer Maria Rilke: Briefe. Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Weimar. In Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt durch Karl Altheim. Insel. Wiesbaden, 1950.

RUPTURES IN THE CINEMA OF THE MIND.

Encounters with Natura Naturans 

Claudia Weinzierl

 

It is a proven fact that all great ages have linked their zeitgeists to individual organs. In antiquity it was the gall bladder, in romanticism the heart – while the contemporary spirit is defined neurologically. There is a great appreciation for the cognitive and the technological, which set the scales for how to act and are understood to define why we feel and think the way we do. Our world is formed by an obsession with the explanatory and the empiricist gain of knowledge. We spend our lives in a cinema of the mind. And it keeps running and running. Only when we cease the pursuit, immerse ourselves and open up to the unexpected and the unknown contemplatively, can we recognize the ruptures. Once we accept these ruptures, we are able to look further. What is happening beyond? What can we detect? Perhaps the interiors of our non-conditioned psychic and spiritual force fields that murmur of the forgotten and suppressed? Our natural being in joyous moments of connectedness with everything that we are and that surrounds us? And also that nature plays and throws the dice (“Natura Facit Saltus” – as a group of works is entitled), and, in a continuing process of creation, produces the most bizarre events and shapes. It is this gazing view that Edgar Lissel has cultivated and that he lets roam in purposeful purposelessness from bacteria to water to insects to rocks, which he captures with various methods of photography, driven by the curiosity to “perceive whatever holds the world together in its inmost folds” and by a childlike amazement at these processes that become apparent through contemplation and dedication.

 

This view on nature means looking at forces that connect and bind the seemingly countless individual pieces of conscious perception, even the mere intuitions of the subconscious: the forces of ongoing processes.

 

These forces are not only inherent in all living systems, but are in fact their elementary motor. It is exactly these powers that connect the macrocosm to the microcosm and work from the past to the future. In these networks of unimaginable combinations there is a constant formation of force fields of compressed energy and intensifications. Linear concepts of time and space spiral; leaps, multidimensional escapades occur, generating images much as we can encounter them in Lissel’s works.  

 

The group of works entitled “Eros Universalis“, created in an interdisciplinary project with the University of Nottingham studying the capability of different bacterial cultures to communicate, is an impressive example of the creation of  images with cosmic appeal. The factualness of the molecular exchange between two unicellular organisms in a Petri dish transforms into an allegory for the erotic as the elementary force of vital exchange before our very eyes: we witness a successful performance of our secret knowledge that true encounters with others are possible if we give up all resistance, dissolve ourselves in one another and that we are capable of returning to our individual beings transformed and strengthened. 

The fascinating photograph of a footprint in a tidal flat, that immediately merges with the mud’s bacteria, generating countless air bubbles – as the source of further life – conveys to us a hint of the notion of what may be taking place in the realm of the non-visible, non-perceivable, unknown to factual reality, just as the images of bacteria at work on and in our bodies, which – unnoticed by us – enter marriages with life and – unknown to us –  incorporate us into life literally.

 

The fossilized movement of water (“Gezeitenwellen“ – “Tidal Waves“) and the petrified primal drops on a piece of soil convey to us the sentiment of an age-old mystery: how can something immediate be eternally condensed from a momentary movement to a print? Which atmospheric constellations, which frameworks of time and space must be in place to create this paradox? An alchemistic connection of the elements which otherwise would never have come in touch with each other evokes visions of the desire for immortality in us, and for a total immersion in the moment.

 

Edgar Lissel’s revelations of messages conveyed by celestial bodies, which appear like blueprints from another dimension and which enter our perception like visitors, transform into something familiar, something that doesn’t approach us from the outside but emerges from within.

 

Perhaps all our notions of movement are nothing but temporary and obsolete, just as we are. We move among force fields controlled not only by ourselves, fields of births and deaths. Endless loops. Edgar Lissel’s pieces speak of a work which Rainer Maria Rilke identified as one of man’s most essential:

 

It is our task to impress this preliminary, transient earth upon ourselves with so much suffering and so passionately that its nature rises up again ‘invisibly’ within us. We are the bees of the invisible“, which we succeed being through “the continual conversion of the beloved visible and tangible world into the invisible vibrations and agitation of our own nature, which introduces new vibration-numbers into the vibration-spheres of the universe. (For, since the various materials in the cosmos are only the results of different rates of vibration, we are preparing in this way not only intensities of a spiritual kind, but – who knows? – new substances, metals, nebulae and stars.)”1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Dieser Brief [This Letter] (written one year before his death) no date (date as postmark: Sierre, 13.11.2) in: Rainer Maria Rilke: Briefe. Published by the Rilke-Archiv in Weimar. In Association with Ruth Sieber-Rilke, by Karl Altheim. Insel. Wiesbaden, 1950.





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