PAWEL JASCZCUK - Interview


Interview mit Pawel Jaszczuk

von Gunther Dietrich (PEB) 2010

 

Photo Edition Berlin (PEB): Wie lange leben Sie schon in Japan und warum haben Sie Japan gewählt, obwohl Sie in Polen geboren und aufgewachsen sind?

 

 Pawel Jaszczuk (PJ): Ich habe Japan nicht gewählt, man könnte sagen, Japan hat mich gewählt . Als ich in Australien Kunst studierte, lernte ich Reiko kennen, die jetzt meine Frau ist. Und zu dieser Zeit habe ich darüber nachgedacht, was ich nach dem Studium machen und wohin ich gehen wollte.

MeinFrau ist Japanerin und wollte zurück nach Japan gehen, und ich bin ihr gefolgt. Ich habe das nie geplant, ich bin einfach mit dem Strom geschwommen. Jetzt genieße ich Japan sehr und ich lebe hier schon seit etwa 6 Jahren. Ich habe Polen im Jahr 2001 verlassen. Das war eine Zeit, in der ich mein Leben genießen und die Welt erkunden. Ein Freund von mir liebte Australien und wollte, dass ich dorthin komme. Ich kam und blieb und studierte dort Bildende Kunst.

 

PEB: Warum sind Sie Fotograf?

 

PJ: Im Grunde bin ich eher ein Pantoffelkünstler als ein Fotograf, aber ich bin Fotograf geworden, weil ich ständig unterwegs sein muss. Ich kann nicht im Studio bleiben und die ganze Zeit am Computer sitzen, ich muss mich bewegen. Die Fotografie gab mir die Möglichkeit, immer in Bewegung zu sein.

 

PEB: Aus Ihren Bildern können wir ersehen, dass Sie normalerweise nachts unterwegs sind.

 

PJ: Ja, ich bin definitiv ein Nachtmensch. Heute bin ich um 3 Uhr morgens aufgewacht. Ich kann meine Motive in der Nacht finden.

 

PEB: Können Sie uns die Geschichte der Serie "Sleeping Train" erzählen?

 

PJ: Das ganze Projekt begann im Jahr 2004. Es war der Beginn meiner Freundschaft mit Japan. Als ich hierher kam, war ich neugierig auf alles. Eines frühen Morgen beschloss ich, den Fischmarkt zu besuchen. Also stieg ich in den Zug. Dort saßen 25 Leute und sie schliefen alle. Ich habe auch in den anderen Zügen nachgesehen und fast überall schliefen auch alle. Ich dachte, das ist erstaunlich. Und da habe ich die ersten Fotos gemacht. Das ist ein ganz gewöhnliches Bild, schlafende Menschen in Zügen.

 

PEB: Sind die Leute, die du fotografierst, irgendwann aufgewacht und haben dich oder sind Sie manchmal in Schwierigkeiten geraten, weil Sie sie fotografiert haben?

 

PJ: Ich bin nie in Schwierigkeiten geraten. Einige Leute von den Bahngesellschaften sprechen mich an und sagen, ich solle aufhören, sie zu fotografieren. Aber das kann ich nicht weil mir niemand sagen kann, dass ich mit dem, was ich tue, aufhören soll. Ich habe nur dieses eine Leben, und wenn ich Bilder machen will, dann tue ich das. Wenn ich aufhöre zu fotografieren

bekomme ich nicht die Bilder, die ich will. Ich respektiere die Leute, die ich fotografiere, wirklich die ich fotografiere, und ich finde, sie sehen einfach wunderschön aus. Der Zug ist ein sehr öffentlicher Raum aber sie ziehen sich dort zurück und schlafen einfach, phänomenal. Ich mache Fotos von diesen Menschen, weil mich interessiert, WIE sie aussehen, nicht WARUM.

 

PEB: Haben Sie Ihre Fotos in Japan gezeigt? Was denken die Japaner darüber?

 

PJ: Ich habe sie allen meinen japanischen Freunden und anderen japanischen Ausländern gezeigt. Ich bekam mehr negative Meinungen von Ausländern als von Japanern. Japaner können über sich selbst lachen, sie können verstehen, was ich tue und haben eine gewisse Distanz zu sich selbst, es ist für sie nicht verletzend. Die sehr traditionellen Eltern meiner Frau finden es einfach lustig und realistisch.

 

PEB: Ist starkes Trinken in der japanischen Kultur eine Männersache?

 

PJ: Nein, nicht nur. Es ist schwierig zu sagen, dass Männer und Frauen gleich viel trinken, aber es ist eine andere Geschichte. Normalerweise haben Frauen jemanden, der mit ihnen nach Hause geht, der Partner, Kollegen oder Freunde, der sie nach Hause begleitet. Ich habe viele betrunkene Frauen getroffen.  Ich habe einige Fotos von schlafenden Frauen auf der Straße gemacht, was nicht sehr häufig ist und ich denke immer noch über ein Projekt mit ihnen nach.

 

PEB: Erzählen Sie uns bitte etwas über die Serien "Stay Still" und "High Fashion".

 

 

PJ: Das sind alles Gehaltsempfänger, die ich 2008 zu fotografieren begann. Auf den ersten Blick sind sie sich sehr ähnlich. Aber wenn man genauer hinsieht, sieht man  viele Unterschiede, ich könnte sie in Kategorien einteilen. Die Männer, die noch stehen können und schlafen... da hast du es: "Stay Still".

Und "High Fashion" ist fast schon Mode-Fotografie, die Männer liegen in Pose. Ich habe noch viel mehr Fotos und Kategorien, aber ich möchte nicht viel mehr zeigen, ich denke, drei Kategorien sind genügend.

 

PEB: Japan hat die höchste Selbstmordrate in der Gesellschaft. Glauben Sie, dass der Druck und starker Alkoholkonsum einen Einfluss darauf haben? Wie fließt das in Ihre Bilder ein?

 

PJ: Meine Projekte haben nichts mit Selbstmord in der japanischen Gesellschaft zu tun. Sie haben die gleichen Gründe zu trinken wie wir, manche trinken wegen Problemen, manche wollen einfach nur Spaß haben. Der Unterschied zwischen ihnen und uns ist, dass sie danach auf der Straße schlafen. Ich habe mal mit der Polizei gesprochen und die sagen, dass es immer noch Raubüberfälle gibt, so dass man seine Tasche verlieren kann, wenn man auf der Straße schläft. Aber das ist absolut nicht üblich. Man kann nicht sagen, dass es von der Gesellschaft akzeptiert wird. Aber es ist einfach üblich, und die Gesellschaft sieht nie auf Leute herab, die auf der Straße

einschlafen. Jeder betrinkt sich von Zeit zu Zeit, und sie denken dass es einfach zu ihrem Leben gehört. Ich für meinen Teil verurteile diese Leute überhaupt nicht, ich mache es nur wegen des visuellen Effekts und den Kontrast zwischen der Straße und der Krawatte, der mich am meisten beeindruckt. Es ist nichts gegen Japan oder die japanische Gesellschaft. Ich respektiere wirklich das Land, in dem ich lebe, und seine Geschichte.

 

Zumindest muss ich sagen, dass ich beim Fahrradfahren auf den Straßen nach besonderen Menschen für meine Fotos suche und nicht den "normalen" Typen. Ich wähle die Leute aus die ich fotografiere. Ich habe kein Bild im Kopf, wenn ich rausgehe, wenn ich den Mann sehe, weiß ich, ob ich das wirklich will. Ich fotografiere "Stay Still" seit fast einem Jahr. Ich schieße immer noch ab und zu Bilder für die Serie und bisher habe ich etwa 20 Bilder. Mit meinem Fahrrad kann ich mehr Orte in einer Nacht erreichen. Die beste Zeit um die Fotos zu machen, ist zwischen 1 und 4 Uhr morgens.

 

PEB: Vielen Dank...

 

 

Interview with Pawel Jaszczuk

by Gunther Dietrich (PEB) 2010

 

Photo Edition Berlin (PEB): How long have you been living in Japan and why did you choose Japan although you were born and raised in Poland?

 

Pawel Jaszczuk (PJ): I didn't choose Japan, you could say Japan chose me. When I was studying art in Australia, I met Reiko, who is now my wife. And at that time I was thinking about what I wanted to do after graduation and where I wanted to go.

 

Mywife is Japanese and she wanted to go back to Japan, and I followed her. I never planned it, I just went with the flow. Now I enjoy Japan very much and I have been living here for about 6 years. I left Poland in 2001. That was a time when I was enjoying my life and exploring the world. A friend of mine loved Australia and wanted me to come there. I came and stayed and studied fine arts there.

 

PEB: Why are you a photographer?

 

PJ: I'm more of a henpecked artist than a photographer at heart, but I became a photographer because I have to be on the road all the time. I can't stay in the studio and sit at the computer all the time, I have to move around. Photography gave me the opportunity to always be on the move.

 

PEB: From your pictures we can see that you are usually out at night.

 

PJ: Yes, I am definitely a night person. Today I woke up at 3 in the morning. I can find my subjects at night.

 

PEB: Can you tell us the story of the Sleeping Train series?

 

PJ: The whole project started in 2004, it was the beginning of my friendship with Japan. When I came here, I was curious about everything. One early morning, I decided to visit the fish market. So I got on the train. There were 25 people sitting there and they were all asleep. I also checked the other trains and almost everywhere everyone was asleep too. I thought, this is amazing. And that's when I took the first pictures. That's a very common picture, sleeping people on trains.

 

PEB: Did the people you were photographing eventually wake up and have you or did you sometimes get in trouble for photographing them?

 

PJ: I've never gotten in trouble. Some people from the railroad companies approach me and tell me to stop photographing them. But I can't because nobody can tell me to stop what I'm doing. I only have this one life, and if I want to take pictures, I do. If I stop taking pictures I don't get the pictures I want. I respect the people I photograph, really the people I photograph, and I think they just look beautiful. The train is a very public space but they retire there and just sleep, phenomenal. I take photos of these people because I'm interested in HOW they look, not WHY.

 

PEB: Have you shown your photos in Japan? What do the Japanese think about them?

 

PJ: I showed them to all my Japanese friends and other Japanese foreigners. I got more negative opinions from foreigners than from Japanese. Japanese people can laugh at themselves, they can understand what I am doing and have some distance from themselves, it is not hurtful to them. My wife's very traditional parents just find it funny and realistic.

 

PEB: Is heavy drinking a male thing in Japanese culture?

 

PJ: No, not only. It's hard to say that men and women drink equally, but it's a different story. Usually women have someone to go home with them, the partner, colleagues or friends to accompany them home. I have met many drunk women.  I took some photos of women sleeping on the street, which is not very common, and I'm still thinking about a project with them.

 

PEB: Please tell us about the series "Stay Still" and "High Fashion."

 

PJ: These are all salarymen that I started photographing in 2008. At first glance, they are very similar. But if you look closer, you see a lot of differences, I could divide them into categories. The men who can still stand and sleep... there you have it, "Stay Still."

 

And "High Fashion" is almost fashion photography, the men are lying in pose. I have many more photos and categories, but I don't want to show much more, I think three categories are enough.

 

PEB: Japan has the highest suicide rate in society. Do you think the pressure and heavy drinking have an influence on that? How does that factor into your paintings?

 

PJ: My projects have nothing to do with suicide in Japanese society. They have the same reasons to drink as we do, some drink because of problems, some just want to have fun. The difference between them and us is that they sleep on the street afterwards. I talked to the police once and they say that there are still robberies, so you can lose your bag if you sleep on the street. But that is absolutely not common. You can't say it's accepted by society. But it's just common, and society never looks down on people who fall asleep on the street. Everyone gets drunk from time to time, and they think it's just part of their life. I for one don't judge these people at all, I just do it for the visual effect and the contrast between the street and the tie that impresses me the most. It's nothing against Japan or Japanese society. I really respect the country I live in and its history.

 

At least I have to say that when I ride my bike on the streets, I look for special people for my photos and not the "normal" guy. I choose the people I photograph. I don't have a picture in my head when I go out, when I see the guy, I know if that's what I really want. I've been shooting Stay Still for almost a year. I still shoot pictures for the series every now and then and so far I have about 20 pictures. I can get to more places in one night with my bike. The best time to take the pictures is between 1am and 4am.

 

PEB: Thank you very much...

 





Füllen Sie die Felder mit* aus, um unseren Newsletter zu erhalten:
E-Mailadresse*:
Vorname *:
Nachname*:
Straße:
PLZ:
Ort:
Land: