HANS-JÜRGEN RAABE - 990 faces



990 Faces

 

Die Debatte ist alt. So alt wie die Fotografie selbst. Kann die Kamera, dieses kalte, kantige, technische, quasi selbsttätige Tool menschliches Wesen plausibel erfassen, Charakter erschließen, so etwas wie Seele offenbaren? Die Maler sagten entschieden: nein. Allein das in mühevoll langen Sitzungen erarbeitete „Simultanporträt“, das die verschiedenen Facetten eines Menschen zusammenführe, quasi zur Deckung bringe, sei in der Lage, ein stimmiges, gleichsam ewiges Bild zu stiften. Die Fotografie, keine Frage, hat die Malerei beerbt. Speziell Porträt bedeutet im technischen Zeitalter ein fotografisches Porträt. Womit die Frage nach der Gültigkeit einer Bildnisstudie keineswegs beantwortet ist. Suchten die Kunstfotografen des ausgehenden 19. Jahrhunderts ihr Heil in vorbereitenden Gesprächen, um im Moment einer vermeintlichen Öffnung ihres Gegenübers die Platte zu belichten, dann setzte die Avantgarde der 1920er und 30er Jahre auf die Serie, die Reihe, die Sequenz. „Man muss ganz klar feststellen“, so Alexander Rodtschenko, der russische Konstruktivist, Gestalter, Fotograf, „dass seit dem Aufkommen von Fotodokumenten keine Rede mehr von irgendeinem einheitlichen ewigen Porträt sein kann. Mehr noch, der Mensch ist keine Summe, er ist eine Vielzahl von Summen, die manchmal auch völlig gegensätzlich sind.“ Rodtschenko plädiert für die Momentaufnahme. Er plädiert für eine „Vielzahl von Momentaufnahmen“. Er plädiert für ein Mosaik aus zufälligen Bildern: „Je weniger von einem Menschen authentisch ist, um so romantischer und interessanter ist er.“ Auch Hans-Jürgen Raabe glaubt an die Momentaufnahme, an die Magie des Augenblicks. Auch er definiert sich über Serien, über konzeptionell vorgedachte Reihen und Sequenzen. Auch er unterwirft sich der Mühe langer, ausgreifender Projekte. Sein aktuelles wird sich wohl über viele Jahre ziehen. Woran Raabe nicht glaubt, ist die flüchtige Begegnung als Chance, das Wesen eines Menschen zu erschließen.

 

Raabes Domäne ist das Menschenbild. Aber nicht im Sinne von Porträt bzw. Seelenkunde. Was Raabe interessiert, ist die soziologische Seite unseres Menschseins. Das Miteinander unterschiedlichster Typen, Gestalten, Existenzen, so normal oder bizarr, charismatisch oder grau sie auch immer sein mögen. Für Raabe ist die Kamera nicht Stethoskop, sondern Botanisiertrommel. Eine magische Büchse, die ihn zum Hinschauen zwingt, zum bewussten Sehen, was, wie Jean-Christophe Ammann meint, für sich allein ein großes Glück bedeuten kann. Bereits der Titel – „990 Faces“ – kündigt es an: Hier geht es um Gesichter. Nicht um Charaktere. Hier geht es um Erscheinung. Aber nicht wie bei Richard Avedon, der sich expressis verbis für die Oberfläche, die menschliche Maske interessierte. Raabe nimmt die Leute wie sie sind, wie sie sich geben im öffentlichen Raum. Darauf fußt sein Konzept, zu dem auch Intuition, Vorausschau, blitzschnelles Agieren gehören. „Der richtige Augenblick zur Betätigung des Auslösers ist gekommen, wenn man ein Objekt auf eine neue Weise sieht“, sagt Susan Sontag. Raabes Bilder sind erhaschte, im Bruchteil einer Sekunde erfasste Momente, ungestellt, ungeschönt, direkt, präzise im Ausschnitt, dabei voller Poesie. Und – sparsam in den bildnerischen Mitteln sprich: Keine gesuchte Avantgarde. Raabe erfasst Menschen, die stellvertretend für viele andere Menschen stehen: Kinder für Kinder, Alte für Alte, Frauen für Frauen, darunter schöne, aber auch solche, mit denen es das Leben nicht unbedingt gut gemeint hat. Was sich so formt, ist eine große Welterzählung. Nicht als Neuauflage jener „Family of Man“-Idee, wie sie in den 1950er Jahren Furore gemacht hat. Raabe ist kein Romantiker, und die Vorstellung von einer für die Museumswand inszenierten Menschenfamilie ist ihm fremd. Andererseits gilt es, heute mehr denn je, global zu denken, die Erde ganzheitlich und vernetzt zu sehen. Ein bunter Planet, dessen Buntheit sich allenthalben und auch im Kleinen spiegelt. Das sind die Fragen, die Hans-Jürgen Raabe umtreiben – und auf die er fotografierend eine Antwort sucht. Dass er sich nur selten für „die monumentalen Leistungen der Menschheit, wie Hochhäuser, Brücken und Straßen“ interessiere, geschehe keineswegs „aus mangelnder Anerkennung ihrer Größe oder Schönheit“, hat Henri Cartier-Bresson einmal bekannt, „sondern einfach deswegen, weil mich am Menschen das menschliche Wesen vor dem Erbauer interessiert; was er baut, hat bis zu einem gewissen Grad Bestand, während der Ausdruck seines Wesens im Bruchteil einer Sekunde aufgeschnappt werden kann oder einem entgeht. Diesen Bruchteil einer Sekunde einzufangen, stellt meiner Meinung nach die bedeutendste Leistung der Fotografie dar.“ Die Fotografie als Chance, das Ephemere zu bannen, den Lauf der Dinge anzuhalten, ihm eine klar umrissene Botschaft zu entlocken – das ist es, was auch Hans-Jürgen Raabe reizt, ohne dass er dem viel zitierten „entscheidenden Augenblick“ nacheifern würde. Seine Bilder sind weniger narrativ als meditativ, weniger erzählend als reflektierend. Eine Geschichte formt sich in der Summe, wenn Gesichter und Stills in strenger Auswahl aufeinandertreffen.

 

Raabe ist Sammler. Auch ihn fasziniert zunächst jener dokumentarische Kern, der jeder Fotografie innewohnt. Das „So-ist-es gewesen“, zu dem sich, im Fall des gestaltenden Künstlers das Wissen gesellt, ein einzigartiges, singuläres Bild gestiftet zu haben. Raabe inszeniert nicht, blitzt nicht, manipuliert nicht am Computer. Was ihn reizt, ist die ungestellte Wirklichkeit und das Vermögen der Kamera, ein klar definiertes Stück aus Raum und Zeit herauszuschneiden. „Der Abenteurer in mir fühlte sich verpflichtet, mit Hilfe eines flinkeren Instruments als dem Pinsel die Narben der Welt zu bezeugen“, so noch einmal Cartier-Bresson. Auch Raabe, 1952 geboren, gelernter Fotograf, dazu schreibender Journalist, Verleger, Publizist, schaut wach und ausgerüstet mit einem handelsüblichen Fotoapparat auf diese Welt. Aber es sind nicht die Narben, die ihn interessieren, nicht Kriege und Konflikte sind es, die ihn bewegen. Bewusst sucht Raabe Orte, die einer eher zivilen Ausstrahlung gehorchen. Ob Myanmar, Lourdes oder das Oktoberfest, Marrakesch oder die Fifth Avenue: Zum Fluchtpunkt seiner Arbeit bestimmt Raabe Plätze, die eine Art ponderierten Ausnahmezustand spiegeln, eine Form besonderer Normalität oder vice versa normaler Besonderheit. Geht sein Konzept auf, dann wird er am Ende dreiunddreißigmal losgezogen sein, um der Magie eines Ortes nachzuspüren, ohne dass der Ort selbst zum Thema würde. Er ist nur die Bühne, die Plattform für Menschen, die so besonders sind wie normal, individuell wie durchschnittlich. Dreiunddreißig Orte. Je dreißig Menschen-Bilder. Auch diese rigorose Beschränkung ist Teil einer klar umrissenen gedanklichen Struktur. Raabe weiß: Mehr ist nicht mehr. Aber weniger wäre nicht genug. Was er sagen möchte: Es lässt sich plausibel in dreißig Aufnahmen erzählen. Dazu zehn Stills als eine Art Prolog, nicht erklärend, nicht journalistisch eher enigmatisch: Der Geist eines Ambientes als Rätsel über allem. Im Porträt – sei es Bildnis oder schlicht Gesicht – spiegeln sich immer zwei: Der Porträtierte und sein Fotograf. Bei Raabe gibt es keine Interaktion. Er drängt sich nicht auf, mischt sich nicht ein. Sein Handeln bleibt diskret. Wenn der Fotograf Hans-Jürgen Raabe in seinen Bildern kenntlich wird, dann durch seine Neugier gepaart mit Demut, sein Interesse gepaart mit Respekt, seinen unbedingten künstlerischen Willen ohne aufgesetztes Künstlertum. „Schau an, was dich anschaut“, lautet eine seiner Devisen. So gesehen ist seine Fotografie auch eine Schule des Sehens oder besser: Eine Aufforderung, das Sehen neu zu lernen. Mit offenen Augen, aber blind gehen wir durch die Welt. Hans-Jürgen Raabe hält mit seiner Kamerakunst dagegen. Schaut Menschen an, schaut ihnen ins Gesicht, erträgt ihren Blick. Was so entsteht, sind „große stille Bilder“, um einen Begriff des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz aufzugreifen. Nicht nur stemmen sie sich gegen eine grassierende Gleichgültigkeit im Alltag. Sie opponieren auch gegen das Flimmern und visuelle Rauschen allenthalben. „Gute Fotos“, sagt Norbert Bolz, „sind Zäsuren im unendlichen Roman der Wahrnehmung.“ Raabes Aufnahmen funktionieren als Solitäre. Im Buch steht jedes Bild für sich. Pro Band formen sie – im Verein mit den Stills – eine Geschichte. In der Summe der Geschichten eine Utopie. Hans-Jürgen Raabe scheut alles Belehrende. Er folgt keinem Dogma. Und doch wird klar, worum es bei „990 Faces“ geht – um das Abenteuer Mensch.

 

Hans Michael Koetzle

990 Faces

 

The debate is old. As old as photography itself. Can the camera, this cold, angular, technical, quasi-automatic tool, plausibly capture human essence, reveal character, reveal something like soul? The painters said decisively: no. Only the "simultaneous portrait," worked out in painstakingly long sessions, which brings together the various facets of a person, virtually brings them together, is capable of creating a coherent, quasi-eternal image. There is no question that photography has inherited painting. Especially portrait means in the technical age a photographic portrait. Which by no means answers the question of the validity of a portrait study. If the art photographers of the late 19th century sought their salvation in preparatory conversations in order to expose the plate at the moment of a supposed opening of their counterpart, then the avant-garde of the 1920s and 30s relied on the series, the row, the sequence. "It must be stated quite clearly," said Alexander Rodchenko, the Russian Constructivist, designer, photographer, "that since the advent of photographic documents there can no longer be any question of any uniform eternal portrait. More than that, man is not a sum, he is a multiplicity of sums, sometimes completely contradictory." Rodchenko argues for the snapshot. He pleads for a "multiplicity of snapshots." He argues for a mosaic of random images: "The less of a person is authentic, the more romantic and interesting he is." Hans-Jürgen Raabe also believes in the snapshot, in the magic of the moment. He too defines himself by series, by conceptually preconceived series and sequences. He, too, subjects himself to the effort of long, expansive projects. His current one will probably drag on for many years. What Raabe doesn't believe in is the fleeting encounter as a chance to unlock the essence of a person.

 

Raabe's domain is the human image. But not in the sense of portraiture or soul-searching. What interests Raabe is the sociological side of our humanity. The coexistence of the most diverse types, figures, existences, however normal or bizarre, charismatic or gray they may be. For Raabe, the camera is not a stethoscope but a botanizing drum. A magic box that forces him to look, to see consciously, which, as Jean-Christophe Ammann believes, can mean great happiness in itself. The title - "990 Faces" - already announces it: This is about faces. Not about characters. This is about appearance. But not like Richard Avedon, who was expressis verbis interested in the surface, the human mask. Raabe takes people as they are, as they present themselves in public space. This is the basis of his concept, which also includes intuition, foresight, lightning-fast action. "The right moment to activate the shutter has come when you see an object in a new way," says Susan Sontag. Raabe's images are caught moments, captured in a fraction of a second, unposed, unadorned, direct, precise in their cropping, yet full of poetry. And - sparing in the pictorial means, in other words: not a sought-after avant-garde. Raabe captures people who stand for many other people: Children for children, old for old, women for women, among them beautiful, but also those with whom life has not necessarily meant well. What is formed in this way is a great world narrative. Not as a new edition of that "Family of Man" idea that caused a furor in the 1950s. Raabe is no romantic, and the idea of a human family staged for the museum wall is alien to him. On the other hand, today more than ever, it is important to think globally, to see the earth holistically and interconnected. A colorful planet whose colorfulness is reflected everywhere and also in small things. These are the questions that drive Hans-Jürgen Raabe - and to which he seeks an answer through photography. The fact that he is rarely interested in "the monumental achievements of mankind, such as skyscrapers, bridges and roads" is by no means "due to a lack of appreciation of their greatness or beauty," Henri Cartier-Bresson once confessed, "but simply because what interests me about man is the human being before the builder; what he builds lasts to a certain extent, while the expression of his being can be picked up in a fraction of a second or escapes one. Capturing that split second represents, in my opinion, the most significant achievement of photography." Photography as an opportunity to capture the ephemeral, to stop the course of events, to elicit from them a clearly delineated message - this is what also appeals to Hans-Jürgen Raabe, without emulating the much-cited "decisive moment." His pictures are less narrative than meditative, less telling than reflecting. A story is formed in the sum, when faces and stills meet in strict selection.

 

Raabe is a collector. He, too, is initially fascinated by the documentary core inherent in every photograph. The "so-it-has-been," to which, in the case of the creative artist, is added the knowledge that he has created a unique, singular image. Raabe does not stage, does not flash, does not manipulate on the computer. What excites him is the unstaged reality and the camera's ability to cut a clearly defined piece out of space and time. "The adventurer in me felt compelled to bear witness to the scars of the world with the help of a more nimble instrument than the brush," Cartier-Bresson said again. Raabe, born in 1952, a trained photographer, plus a writing journalist, publisher, publicist, also looks at this world, awake and equipped with a standard camera. But it is not the scars that interest him, it is not wars and conflicts that move him. Raabe deliberately seeks out places that obey a more civil aura. Whether Myanmar, Lourdes or the Oktoberfest, Marrakech or Fifth Avenue: Raabe determines places as the vanishing point of his work that reflect a kind of pondered state of exception, a form of special normality or, vice versa, normal particularity. If his concept works out, then he will have set out thirty-three times in the end to trace the magic of a place, without the place itself becoming the subject. It is only the stage, the platform for people who are as special as they are normal, as individual as they are average. Thirty-three places. Thirty images of people each. This rigorous restriction is also part of a clearly defined mental structure. Raabe knows: more is not more. But less would not be enough. What he wants to say: it can be plausibly told in thirty shots. In addition, ten stills as a kind of prologue, not explanatory, not journalistic, but rather enigmatic: the spirit of an environment as a riddle above all. In a portrait - be it a portrait or simply a face - two are always reflected: the sitter and his or her photographer. With Raabe there is no interaction. He does not impose himself, does not interfere. His actions remain discreet. If the photographer Hans-Jürgen Raabe becomes recognizable in his pictures, then through his curiosity paired with humility, his interest paired with respect, his unconditional artistic will without put-on artistry. "Look at what looks at you," is one of his mottoes. Seen in this light, his photography is also a school of seeing, or rather: an invitation to learn to see anew. We go through the world with open eyes, but blind. Hans-Jürgen Raabe counters this with his camera art. He looks at people, looks them in the face, endures their gaze. What emerges are "great still images," to borrow a term from media scientist Norbert Bolz. Not only do they oppose a rampant indifference in everyday life. They also oppose the flicker and visual noise everywhere. "Good photographs," says Norbert Bolz, "are caesuras in the endless novel of perception." Raabe's photographs function as solitaires. In the book, each image stands on its own. Per volume, they form - in association with the stills - a story. In the sum of the stories, a utopia. Hans-Jürgen Raabe shies away from all that is instructive. He follows no dogma. And yet it becomes clear what "990 Faces" is all about - the human adventure.

 

Hans Michael Koetzle



Hans-Jürgen Raabe stands in the hall of the Photobookmuseum, Cologne where his exhibition is being shown until October 2014. (Photo: Deutsche Welle)
Hans-Jürgen Raabe stands in the hall of the Photobookmuseum, Cologne where his exhibition is being shown until October 2014. (Photo: Deutsche Welle)

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