EDGAR LISSEL


Sphaera incognita. Verlauf, 2006

 Pergamon,  2006

 

Schauplatz dieser Arbeit ist eine der wichtigsten Ausgrabungen europäischer Kultur. Pergamon, in der westlichen Türkei gelegen, wurde seit den ersten Ausgrabungen 1878 maßgeblich von deutschen Archäologen erforscht.

 

Eine der ältesten noch ursprünglich erhaltenen römischen Kuppeldächer in Pergamon wird in der Arbeit von Edgar Lissel durch eine Langzeitbeobachtung untersucht. Die Kuppel lässt durch eine Öffnung in ihrem Zentrum Licht ins Innere des Raumes fallen. Dem Sonnenstand entsprechend wandert der Lichtfleck tastend über das Gewölbe und verändert durch seine wechselnde Intensität langsam die Helligkeit im Innenraum. Stellvertretend für unsere Wahrnehmung und unser geschichtliches Wissen verändert sich die Beleuchtung des Objekts


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Sphaera incognita. Verlauf
Edgar Lissel
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Sphaera Incognita 

Sphärologische Raumdeutungen 

von Claudia Weinzierl

 

Mit dem aus künstlerischer Intuition geborenen Werkbegriff Sphaera Incognita ist Edgar Lissel nicht nur eine umfassende Beschreibung für die Methodik und die Inhalte seiner neuesten Arbeiten gelungen, er definiert damit auch die Räume, die nicht als „Weltausschnitte“ fungieren, sondern als „seelenräumliche Systeme“.

 

Folgt man der Entwicklung von Edgar Lissels Werk, setzt man sich beinahe unmerklich kontinuierlicher Schwellenerfahrung aus. Wie Inge Nevoles Beitrag ausführt, ist seine Kunst in ihrer Methode und in ihrer Erscheinungsform sowohl spielerische als auch konsequente Auslotung der Machtverhältnisse des Innen und Außen.

Äußerliche Macht impliziert die durch imperiale Kategorien konditionierte Weltauffassung, in die wir ungefragt „geworfen“ wurden, der wir beziehungslos gegenüberstehen und die wir bestenfalls als uns fremdes Objekt beobachten und untersuchen können. Unter dem Deckmantel von aufgeklärtem Rationalismus und Objektivierung des Geistes wird seziert und zerstückelt, kategorisiert, bewertet. Die Devise lautet: totale Explikation! Der rezeptive, passive Prozess des Schauens als innere Öffnung zur Welt wird durch die Mobilmachung von Spähtrupps ersetzt, welche die Grenzlinien der im Außen verankerten Welt durchbrechen und überwältigen sollen, als wäre diese Feindesland. Diese kognitive, ästhetische und imperiale Weltbesetzung setzt Dogmen voraus und operiert mit einer Bündelung des Blicks, der zielgerichtet alles „Andere“ ausblendet. 

Ganz anders der Blick Edgar Lissels: Mit großer Hingabe und Konzentration folgt sein Sehen dem Zauber des Verborgenen, Vergrabenen, Übersehenen – auf die andere Seite von Anwesenheit. Der forschende Blick erschöpft sich in seinen Arbeiten nicht im kognitiven Sehen, im Festhalten des Entdeckten, sondern führt den Geist über das Reich des Sehens in das Reich des Schauens. In der luziden Atmosphäre dieses metamorphotischen (T)Raumes erscheinen alle Dinge beredt, alle Teilchen elementar erfüllt von Lebenskraft, die Schrecken der vanitas aufgelöst in den schöpferischen Prozess des Werdens und Vergehens, und indem sich der Blick in das Wesen der Dinge senkt, beginnt das Bewusstsein selbst sich zu verwandeln. Die Macht, die „die Welt im Innersten zusammenhält“, hängt von einem beweglichen, lebendigen Gleichgewicht der psychischen und geistigen Energien ab, die miteinander verquicktes Leben aufrechterhalten.

In diesem Sinn verwandelt Edgar Lissel die Erforschung naturwissenschaftlicher Vorgänge und begibt sich über die Schwelle gelungener Methodik und erzielter Resultate hinaus – in das Innere der Phänomene. Er transponiert die Versuchsanordnungen in filmografische Kunstwerke, in denen wissenschaftlich explizierte Elementarteilchen wie Licht, Bakterien und Wassermoleküle sich in meditativ getakteten Zeiträumen mit unserem empfindlichen, intimen (Er)Innern verbinden lassen. In einem „rite de passage“ setzt er sich und uns einer ästhetischen Erfahrung der Vorgänge aus und verwandelt den forschenden, urteilenden Geist in einen staunenden – unterwirft die Gerichtetheit der Gedanken und des Willens der Stimmung einer rezeptiven Passivität, einer enthusiasmierten Erkenntnis. Es entstehen Resonanzräume, in denen es vorübergehend die leidvolle Erfahrung der Differenz des Menschen zwischen seinem psychischen Innenraum und den Dingen „da draußen“ aufzuheben gelingt. Um-Welt wird dadurch zu einer oszillierenden Sphäre von ineinander verschränkten, miteinander korrespondierenden Werdeprozessen. 

Begegnung aus der Serie Sphaera Incognita ist ein eindrucksvolles Beispiel, wie aus einem interdisziplinären Projekt mit der Universität Nottingham, in dem die Fähigkeit verschiedener Bakterienkulturen, miteinander zu kommunizieren, untersucht wird, eine kosmisch anmutende Filmografie entsteht. Das Faktische dieses Molekülaustausches zweier Einzeller in der Petrischale verwandelt sich vor unseren Augen in eine Allegorie des Erotischen als elementare Kraft lebendigen Austausches: wir sehen eine gelungene Vorstellung unseres geheimen Wissens, dass echte Begegnung mit einem Anderen möglich ist, indem wir allen Widerstand aufgeben, uns ineinander auflösen und als Veränderte und Bestärkte in unser individuelles Sein zurückzukehren imstande sind. „Aus solchen Einflüssen mag es wohl stammen, wenn gerade die primitivste Verbindungsart zwischen Lebewesen, die Totalverschmelzung der Einzelligen, so wunderlich gleichnishaft dem entspricht, was sich in höchsten Liebesträumen der Geist unter vollem Liebesglück vorstellen möchte [...]. Gewisse Kombinationen blitzen auf, gewisse Bilder formen und färben sich, die ehemals tot blieben, denn alles Schöpferische besitzt seine Voraussetzungen nicht im klarsten, entwickeltesten Geisteszustande, sondern in der Fähigkeit, von solch klaren Höhe der Entwicklung aus, sich immer wieder, in kraftvoller Vermählung, zusammenzuschließen mit allem Leben, das in uns raunt und redet, drängt und sucht, bis in die dunkelste, heimlichste Wurzel unseres Seins hinab [...].“

 

Verlauf aus der Serie Sphaera incognita entwickelte sich im Laufe archäologischer Ausgrabungen in Pergamon. Der Lichtstrahl als Allegorie lebendiger Gegenwart fällt durch das Zentrum der ältesten noch erhaltenen Kuppel einer römischen Basilika und tastet sich in einer zeitdehnenden, durch den sich kontinuierlich verändernden Sonnenstand hervorgerufenen Bewegung durch den dunklen Innenraum. Der Raum, einstmals Monument gewordener Beweis der bergenden kugeligen Allmacht Gottes, verdichtet sich in Edgar Lissels Filmografie durch unsere Sehnsucht nach geheimnisbergender Geschichte zu einer wandernden Sphäre. In dieser sensiblen Umdeutung der wissenschaftlich-archäologischen Vermessungskausalität erscheint der in der Vergangenheit forschende Mensch „als Sucher der inneren Zukunft in dieser Vergangenheit, in der viel Ewiges eingeschlossen war. Als Nachkommen dieser vereinsamten, zeitverlorenen Dinge, an denen die Wissenschaft irrt, wenn sie sie mit Namen und Zeiten belastet, […] denn sie haben ihr Gesicht in die Erde gehalten und haben alle Benennung und Bedeutung von sich abgetan; als man sie fand, da haben sie sich, leicht, über die Erde erhoben und sind fast unter die Vögel gegangen, so sehr Wesen des Raumes und wie Sterne stehend über der unstäten Zeit.“

 

Sphaera Incognita – Verwandlung erzählt aus Kondenswasser geformtem Stoff eine innerphänomenale Geschichte einer der Ursubstanzen des Lebens. Aus raum- und zeitverdichtender Perspektive erscheint das Unauffällige, Flüchtige, an den Rändern der Wahrnehmung Verortete als Schaumgebilde, als Allegorie ko-fragiler Systeme, die, wenn man so will, als Assoziation zu Peter Sloterdijks „Schaumdeutung“ in Sphären III empfunden werden kann. „Zu sprechen wäre von einer Revolte des Unauffälligen, durch die das Kleine und Flüchtige sich einen Anteil an der Sehkraft großer Theorie sicherte – von einer Spuren-Kunde, die aus unscheinbarsten Indizien die Tendenzzeichen des Weltereignisses lesen wollte […]“ – „In ihr würde das Zerbrechlichste als das Herzstück des Wirklichen begriffen.“ Diesen Faden weiterspinnend kann Lissels fotopoetische Erzählung auch als Metapher für den Weltbildwandel unserer Schwellenzeit gelesen werden, in der sich die zentralen Machtkonzeptionen durch „Luft an unerwarteter Stelle“ in freie, flüchtige, frivole und freche Subversionen der Substanz – in Schäume verwandeln. Hier werden die Enge polaren Denkens und die Sucht nach Kategorisierung aufgelöst in die Weite multiperspektivischen Wahrnehmens. Die Sehnsucht, die ein Weltalter lang in den Träumen nachttrunkener Freigeister das Unhaltbare, Zufällige, den spielerischen Unernst beschwor, tritt uns „schaumgeboren“ aus einer mikrosphärischen Wirklichkeit entgegen.

 

1 Frei nach Peter Sloterdijks Sphären I – Blasen, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1998.

2 In Anspielung auf den von Martin Heidegger gebildeten Begriff der „Geworfenheit“ in Sein und Zeit.

3 Sphaera Incognita – Verlauf, Edgar Lissel, 2007.

4 Sphaera Incognita – Begegnung, Edgar Lissel, 2008.

5 Sphaera Incognita – Verwandlung, Edgar Lissel, 2008.

6 Lou Andreas-Salomé, Die Erotik, Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1992, S. 59.

7 Rainer Maria Rilke, „Brief über Roms Denkmäler“, in: Rainer Maria Rilke – Lou Andreas-Salomé: Briefwechsel, hrsg. von Ernst Pfeiffer, Insel, Frankfurt 1989, S. 110.

8 Peter Sloterdijk, Sphären III – Schäume, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2004, S. 35.

9 Ibid., S. 37.

a 10 Ibid., S. 28



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