CLAUS STOLZ


Claus Stolz - Serie #1
Serie #1
Claus Stolz - Serie #2
Serie #2
Claus Stolz - Serie #3
Serie #3
Claus Stolz - Serie # 4
Serie #4

Claus Stolz - Serie #5
Serie #5
Claus Stolz - Serie #6
Serie #6
Claus Stolz - Serie #7
Serie #7
Claus Stolz - Serie #8
Serie #8

Claus Stolz - Serie #9
Serie #9
Claus Stolz - Grüne Serie
Grüne Serie
Claus Stolz - Heliografien
Heliografien


Claus Stolz betreibt die radikalste Form der analogen Fotografie. Wo andere die von der Sonne beschienenen Objekte ablichten, richtet er seine Kamera direkt auf den Himmelskörper. Durch Langzeitbelichtung verschiedener Filmmaterialien entstehen Bilder von ungeahnter Schönheit und Vielfältigkeit, die alle Variationen des Verbrennungsprozesses aufzeigen. Seit 15 Jahren arbeitet er nach diesem Verfahren, das er Heliographie nennt, wie schon 1822 der Begründer des fotografischen Verfahrens Joseph Nicéphore Niépce - „von der Sonne gezeichnet“.

 

In der jüngsten Serie, den hier ausgestellten 3-D Mikroskopien aus den Jahren 2014 und 2015, gewährt Stolz einen Einblick in das fantastische Innere der aufgebrochenen Emulsionsschichten und farbigen Blasen des Filmmaterials. Mit Hilfe eines Spezialmikroskops eines Wissenschaftslabors in Bayreuth werden die verschmorten Partien über Stunden in den verschiedenen Höhenlagen in 50-facher Vergrößerung gescannt, um die optimale Tiefenschärfe zu erzielen. Was sich dem Betrachter darbietet sind Blasen, die weitere Bläschen oder kristalline Strukturen enthalten, mal farbig, mal schwarz-weiß, stets in Abhängigkeit vom verwendeten Material und der Belichtungszeit.

 

Claus Stolz, geboren 1963, lebt und arbeitet in Mannheim. Von 1988 bis 1992 studierte er an der Freien Kunstakademie Mannheim.

 

Die Werke von Claus Stolz nehmen im anbrechenden digitalen Zeitalter eine einzigartige Position in der Fotografiegeschichte ein. Sie wurden in zahlreichen internationalen Museen und Institutionen gezeigt.

Claus Stolz practices the most radical type of analogue photography. While other photographers merely take a photograph of objects lit by the sun, he directs his camera directly at it. Through long exposure, pictures of impressive beauty and variety are generated that document the process of burning and destroying photographic material. 15 years ago Stolz established this artistic method. He named it Heliography, in reference to Nicéphore Niépce, the inventor of the Heliography, the worldwide first photographic process.

 

The exhibited Microscopies, created between 2014 and 2015, show inner worlds from a microscopic perspective.  The images represent the fascinating process of destruction of the different layers of emulsion, producing colored bubbles which then burst. Stolz uses a special type of microscope in a scientific laboratory in Bayreuth to scan each layer of emulsion at 50x magnification to gain images with great depth of field and a high resolution. The photographs show small blisters with crystalline structures, in color as well as in black and white, in reference to the according material and the exposure time.

 

Claus Stolz, born in 1963, lives and works in Mannheim. From 1988 to 1992 he studied at the Freie Kunstakademie Mannheim.

 

Claus Stolz’s photographs are of great significance both in the digital age and in the history of photography. They have been shown in numerous exhibitions in international museums and institutions.



Ästhetik der Zerstörung

 

Claus Stolz arbeitet mit 3D-Mikroskopie an einer neuen Serie seiner Heliografien

Es ist ganz archaisch und widerspricht jeder Praxis im Zeitalter digitaler Fotografie. Der Fotokünstler Claus Stolz arbeitet bei seinen Heliografien mit traditionellem Planfilm (der kaum noch hergestellt wird) und Fresnel-Linsen, wie sie in Leuchttürmen verwendet werden. Er richtet die auf einem eigens konstruierten Gestell montierte Riesenlinse direkt in die Sonne aus und lässt den Film dahinter anschmoren. Und als wär’s in der Steinzeit, entstehen Rauch, Feuer und Gestank. Nicht die Einwirkung von Licht auf die chemischen Substanzen des Films wird hier (wie früher in der analogen Fotografie) festgehalten, sondern radikal die Einwirkung der Sonne selbst. Auf dem Film lässt sich später „ablesen“, wie lange die Sonne sich auswirkte, ob sie nur punktuell auf den Film traf oder infolge der Erddrehung eine Wegspur hinterließ, ob Wolken dazwischen kamen und unseren Stern wieder freigaben, sogar wie hoch die Sonne stand, welche Tages- oder Jahreszeit zum Zeitpunkt der „Aufnahme“ herrschten – das alles ließe sich anhand des verschmurgelten Films rekonstruieren, insofern sind die Heliografien Dokumente eines zeitlichen Prozesses.
Aber Stolz interessiert noch etwas anderes, nämlich die Ästhetik dieser Zerstörung und deren räumliche Auswirkung. Der Planfilm bleibt bei dem Prozess ja nicht plan, sondern verzieht sich, wird durchlöchert, wirft Blasen auf, wird zum dreidimensionalen Objekt. Das ist ebenso spannend wie von verblüffender ästhetischer Aussage – aber die lässt sich erst vermitteln, wenn der angegriffene Film entwickelt (nicht immer), vergrößert, das Ergebnis auf Fotopapier ausgedruckt oder im Leuchttisch präsentiert wird. Ähnlich wie ein Virtuose aus einem Musikstück seine Interpretation hervormodelliert, entlockt Stolz mit immer neuen Mitteln dem angekokelten Filmstück verborgene Farben und Strukturen.


So eine Filmblase kann als kleines Original im Leuchttisch wie ein braunes Aschehäufchen aussehen, ebenso seltsam wie unspektakulär. Doch abenteuerlich, was alles darin steckt, je nachdem, welche optischen Geräte man benutzt, um die aufgebrochenen Schichten der Filmemulsion sichtbar zu machen. Man kann auf eine solche Blase von oben darauf oder von unten in sie hinein sehen, die Farbschichten der Emulsion werden bei der „Belichtung“ in unterschiedlichen Stadien freigelegt und erstarren beim Erkalten zu kristallinen, dendriten- und/oder faltenförmigen Strukturen. Stolz, der die „Sunburns“ zunächst vor allem als Ästhetik eines Zeitablaufs auffasste (nämlich der Einwirkung der Sonne auf die sich drehende Erde), sucht mittlerweile nach immer tieferem Eindringen in die Formen- und Farbenvielfalt der zerstörten Emulsionsschichten.


Seit einiger Zeit arbeitet er nicht nur mit wandfüllenden Projektionen, mit Leuchttisch und Reprokamera, sondern auch mit dem Spezialmikroskop eines Wissenschaftslabors in Bayreuth, wo mikroskopische 3D-Ansichten erstellt werden können. Bei Stolz wird es zu 50fachen Vergrößerungen eingesetzt, wobei seine Filme einem langwierigen Aufnahmeprozess unterworfen sind, denn die mikroskopischen Digitalkameras fahren das jeweilige Objekt in festgelegten, unterschiedlichen Höhen ab, bevor aus mehreren Tausend Aufnahmen eine Ansicht von bisher unerreichter Tiefenschärfe zusammengesetzt werden kann. Es dauert Stunden, bis eine verschmorte Filmfläche von wenigen Zentimetern auf diese Weise völlig erfasst ist.


Von entsprechend geeigneten Filmen (und das ist nur ein Bruchteil von vielen, die der Sonne ausgesetzt waren) hat Stolz inzwischen vier Grundansichten ermittelt: verblüffend, wie verschieden sich da nur ein einziges Film-Objekt darstellt. Strukturen und Farben scheinen von völlig unterschiedlichen Quellen zu stammen, je nachdem, ob das 3D-Mikroskop die Filmblasen von oben oder von unten erfasste oder ob sie bei Durchlicht mal von oben, mal von unten mit der Reprokamera aufgenommen wurden, ob man die Blasen von oben betrachtet oder von unten in ihre Strukturen hineinschaut. Wobei „oben“ und „unten“ relative Begriffe sind, es spielt dabei eine Rolle, ob die lichtempfindliche Emulsionsschicht oder die Trägerschicht des Films zur Sonne ausgerichtet war. Die atemberaubende Ästhetik dieses Zerstörungsvorgangs bringt Stolz mit Ausdrucken in verschiedenen Formaten bis 150 x 150 cm in kleiner Auflage zu Papier. Die Ergebnisse sind von verwirrender Schönheit, denn das menschliche Auge sucht unwillkürlich nach Vorerfahrungen: Was ist das hier? Ein Häufchen Juwelen? Die Lichterscheinung aus einem Feenmärchen? Ein kostbarer blauer Satinstoff mit wunderbar weichem Faltenwurf? Oder die Oberfläche eines von Blasen und Kratern übersäten Asteroiden, aufgenommen mit einer Raumsonde? Die Assoziationen reichen von scheinbar taktiler Nähe bis zu kosmischen Fernen, was in diesem Fall mehr als angemessen wäre – schließlich kam das Ergebnis durch einen kosmischen Vorgang zustande. „Es ist die Suche nach der Quintessenz von Überbelichtung und Dunkelkammer, Energie und Chemie, Zeit, Material und Experiment, Forschung und Zufall“, fasst Stolz zusammen.


Fotografie? Verglichen mit seinen Heliografien ist die traditionelle Fotografie (auch die digitale) nur ein zimperliches Heranschleichen an ein überwältigendes Phänomen, dem wir zwar alle unser Leben verdanken, dem wir aber weder organisch noch in der praktischen Nutzung wirklich gewachsen sind: dem strahlenden und Materie ausspuckenden Fusionsreaktor am Himmel, vor dessen aggressiver Kraft uns Gott sei Dank ein globales Magnetfeld schützt. Stolz‘ neue Heliografien überspannen Extreme: Ein über rund 150 Millionen Kilometer ausgedehnter Vorgang (Entfernung Erde-Sonne) wird sichtbar in seiner mikroskopischen Auswirkung, pure Energie generiert dabei Raum, die Nutzung von Wärme/Licht (eine der frühesten Kulturleistungen des Menschen) endet bei modernster High-Tech-Anlage, ein chemisch-physikalischer Prozess bleibt weit entfernt von industrieller Wertschöpfung, sondern wird zu der reinen Ästhetik abstrakter Strukturen, deren Harmonie das Ergebnis einer dramatischen Zerstörung ist. All dies im Hinterkopf, kann man die Heliografien freilich auch als bloße visuelle Freude rezipieren, in ihrer Hermetik können sie völlig aus sich selbst heraus bestehen.


Christel Heybrock, 2015



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